offener, zweistufiger Realisierungswettbewerb
Susanne Seyfert
Matthias Seyfert
Rafael Pielorz
Vinzent Wallner
08|2022 – 9|2022
aus dem Erläuterungsbericht:
Der Rudolf-Buchbinder-Saal findet im Baudenkmal Reitschule einen adäquaten, architektonisch herausragenden und für den Besucher spürbar logisch funktionalen Ort.
Die schon jetzt als Konzertsaal genutzte Reitschule wird erhöht. Ihr äußeres Erscheinungsbild wird, wie von Denkmalschutz/ Denkmalpflege angeregt, wieder hergestellt. Der Dachstuhl wird durch eine freigespannte Holzleimbinderkonstruktion neu interpretiert. So wird die gewünschte Außenwirkung erzielt und im Inneren ein großzügiger Freiraum ohne Stützen und Streben geschaffen. Westseitig wird ein Nebengebäude ergänzt. Oberirdisch folgt es der vorgegebenen Baulinie und nimmt die öffentlichen Nebenräume auf. Somit liegen alle öffentlichen Funktionen ebenerdig zum Saal. Das Gesamtfoyer umschließt unter Nutzung der Marställe und des bisherigen Foyers den Saal auf der gesamten nördlichen Seite. Die Südseite des Saales öffnet sich zum Park mit Blick auf den Wolkenturm.
Durch die Aktivierung der Marställe (keine Backstage Nutzung, Künstlerauftritte mehr), durch die neuen WCs auf der Westseite, durch die zusätzlichen Cateringflächen im Westflügel und durch die Eventflächen südlich der Reitschule wird für das gesamte Foyer entlastet. Das flächig verteilte Foyer erlaubt ein Durchwandeln der Gesamtanlage und Sitzen in den Pausen mit sehr hohem Besucheraufkommen lassen sich leichte abfedern.
Die internen dienenden Funktionen werden erst auf den zweiten Blick sichtbar. Sie liegen unter dem Saal – die technischen Nebenräume –, neben diesem – die Räume der KünstlerInnen – und etwas oberhalb – der Seminarraum. Dieser ist an die »öffentliche Welt« über Treppe, Lift und kurzen Wegen zu den WCs und dem Foyer angedockt. Ein schmaler Lichthof wird als versteckter Garten für die KünsterInnen bzw. die Seminargäste gestaltet.
Eine öffentliche und eine interne Treppe verbinden beide Geschoße. Ein Personenlift sichert Barrierefreiheit. Ein Hubpodium mit mobiler Treppe im ehemaligen Portikus der Reitschule schafft einen weiteren Künstleraufgang, Backstage- und Instrumentenanlieferbereich. Das Catering ist auf den beiden Geschossen des Westflügels eingeplant. Externer Zugang und Verteilung im gesamten Foyer und dem Seminarbereich etc. ist gegeben.
Das Untergeschoss wird in Stahlbetonmassivbauweise hergestellt. DSV-Pfähle sichern die Reitschule (innerhalb des Saalgrundrisses und auf der Westseite). Das oberirdische Nebengebäude kann in Holz realisiert werden. Eine dezente Holzfassade bietet sich an.
Das Dach des neuen Saales wird aus sechs quer und vier längs spannenden Holzleimbindern konstruiert. Die Form des ursprünglich vielgliedrigen Dachstuhles wird annähern übernommen. Längsseitig setzen die Binder auf dem Bestandsmauerwerk auf, an den Querseiten stehen Sie davor. Hier kann die Lüftung geführt werden und es ergibt sich eine Schleuse für den unbemerkten Zutritt zum Saal.
Das Volumen unter den neuen Holzbindern ist ideal für einen Konzertsaal geeignet (~5.800m3 bei 510 Personen entspricht 11,4m3 pro Person, 10-12 m3 pro Person sind eine gute Grundlage). Die Proportionen wurden in Längsrichtung zum Jetztzustand etwas verkürzt. So kann der Saal auch in Längsrichtung genutzt werden. Die gute Bespielbarkeit mit zentraler Bühne hat er schon in der Vergangenheit bewiesen.
Für die perfekte Hörsamkeit auf allen Plätzen ist eine sehr stark strukturierte Oberfläche wichtig, wie Sie in den klassischen Konzertsälen durch reich verzierte Holzvertäfelungen erreicht wurde.
Gleichzeitig muss diese Verkleidung die mittleren und tieferen Frequenzbereiche gezielt absorbieren, um die geforderte Nachhallzeit von 1,2 bis 1,5 sec. zu erreichen. Aus psychoakustischer Sicht ist eine sichtbare Holzoberfläche von Vorteil.
Daher werden alle Wand- und Dachflächen mit vollflächig dreidimensional gefrästen Holztafeln verkleidet. Segmente aus dickeren und aus dünneren Schichten entstehen, so dass breitbandig im mittleren und tiefen Frequenzbereich absorbiert wird. Die endgültige Form entsteht anhand von Messungen der Reflexion und Absorption an Musterplatten und der iterativen Anpassung.
Das gestalterische Thema dabei ist visualisierte Schallausbreitung. Diese sich aus der guten Akustik ergebende Gestaltung ist formgebend für den Rudolf-Buchbinder-Saal. Holz überzieht alles – wie oben beschrieben Wand und Decke – aber auch am Boden findet sich das Holz wieder. Die Benutzung des Saales nimmt das Thema auf. Es gibt den Vortragsmodus – alle Türen, Fenster, Öffnungen sind durch Tapetentüren unsichtbar verschlossen – und den Pausenmodus – alle Klappen stehen offen und laden zum hinein- und herausgehen ein. Entweder ist man im hölzernen Klangkörper oder wird eingeladen diesen zu durchstreifen.
Die fix vorgegebene Raumakustik könnte die Nachhallzeit an das obere Ende legen und damit den übergroßen Teil der Veranstaltungen abdecken. Für Aufführungen mit elektroakustischer Verstärkung kann die Nachhallzeit durch an den Racks befestigten Breitbandabsorbern verkürzt werden. Evtl. werden an den Außenseiten der Tapetentüren und in den Türnischen noch Breitbandabsorber und absorbierende Flächen nötig.
Die hohen Frequenzen werden durch das Publikum bzw. durch die Bestuhlung/ Stuhlauflagen für den Probenbetrieb absorbiert.
Die Lüftungs- und Heiztechnik wird für den Veranstaltungsbetrieb optimiert. Platz für diese Technik ist unter dem Saal, in den kurzen Seiten der Saalverkleidung und in den oberen Fensternischen, die durch das Saalkonzept zu Blindfenstern werden und so Raum bieten. In der weiteren Ausarbeitung sind hier noch grundlegende Parameter zu bestimmen (ganzjährige Nutzung, Schwankungsbreite der Luftqualität und Luftfeuchte,...). Es gibt großes Optimierungspotenzial für die zweite Stufe.
Die Fluchtwege führen durch die ebenerdige Lage bzw. durch den Lichtschlitz der zugleich als Fluchtweg dient, direkt ins Freie. Der Konzertsaal und der Zubau werden jeweils als eigener Brandabschnitt ausgebildet.
Die Freianlagen werden südlich vor dem Reitstall als ungeteilte Eventfläche geplant. Der Lichtschlitz für das Untergeschoss soll als versteckter Garten im Park bepflanzt werden.
Die oberen Fenster der Reitschule sind laut CAD Rekonstruktion in 48 Felder geteilt, laut Foto Auslobung Seite 32 in 24 Felder. Für den Entwurf wurde ersteres als Grundlage gewählt, was in der zweiten Stufe zu präzisieren wäre.