IGS SÜD FRANKFURT

nicht-offener Wettbewerb

Susanne Seyfert
Matthias Seyfert

Rafael Pielorz
Franziska Schneeberger
Felix Mader
Vinzent Wallner

12|2021 – 02|2022

Die 1909 errichteten Schulgebäude werden sorgfältig saniert, um kleinere Neubauten ergänzt und über die neu gestalteten Freianlagen in das Ensemble der Integrierten Gesamtschule eingebettet. Es wird ein von den Einzelteilen ausgehendes Gesamtkonzept entwickelt.

DAS LERNHAUS
wird dem Vorschlag der Auslobung folgend in der ehemaligen Textor/ Schwanthaler Schule untergebracht. Die statischen Voruntersuchungen haben ergeben, dass die Decken des denkmalgeschützten Gebäudes nur bedingt tragfähig sind und es schon Eingriffe am Bestand im größeren Ausmaß gab, weshalb in statischer Hinsicht kein Bestandsschutz mehr gegeben ist. Eine statische und brandschutztechnische Ertüchtigung von Decken aus dieser frühen Zeit des Stahlbetons ist erfahrungsgemäß ökonomisch nicht darstellbar. Es wird daher ein neues Tragsystem aus Stahlbetonstützen und Decken unter Erhalt der Treppenhäuser und der Außenwand vorgeschlagen. Die Stützen werden auf neue Fundamente (duktile Pfähle im Bestandskeller) durch die bestehenden Decken geführt. Die neuen Decken werden geschossweise von oben bei schrittweisem Abbruch der alten Decken und Wände errichtet – Versteifung der Außenwand.
Der barrierefreie Haupteingang zwischen den beiden denkmalgeschützten Portalen führt als großzügige Öffnung in das Foyer. Hier trifft alles zusammen. Es gibt einen direkten Aufgang aus dem Radkeller, rechts geht es in die Verwaltung und links ins Selbstlernzentrum und Jugendhilfe, gerade aus zum Sport und in die Obergeschosse zu den Lernlandschaften. Ein mehrgeschossiger Luftraum verbindet und sorgt für intuitive Orientierung. Die Treppe wechselt zweimal die Richtung, einerseits um Platz für die Geräteräume der gestapelten Turnhalle zu lassen und andererseits um spielerisch zwischen Bestand und neuem Zwischenbau zu wechseln.
Der neue Zwischenbau vermittelt die verschiedenen Höhen barrierefrei. Die Sanitäranlagen werden übereinandergestapelt. Sichtöffnungen in die Turnhalle mit Sitzmöglichkeiten schaffen Aufenthaltsqualität. Die offene Erschließung pendelt über alle Geschosse zwischen Neubau und denkmalgeschütztem Bestand. Die Kernzone des Lernhauses wird zum dreidimensional erfahrbarem Aktionsraum.
In den drei Regelgeschossen werden angelehnt an die Flächen- und Konzeptstudie bzw. den Ergebnisbericht die Lernlandschaften der Jahrgänge 5-7 und 8-10 organisiert. Durch Entfall der massiven Innenwände wird dies großzügig möglich. Über die Schleuse betritt man die mittlere Kommunikations- und Erschließungszone. Die vier Klassen docken hier an. Eine liebevoll und individuell ausformulierte fixe Holzmöblierung formt Nischen zum Lesen, Lümmeln, Basteln und Kochen, für die offenen Arbeitsplätze ebenso wie für die Arenen. Dieses fixe »Holzmäandermöbel« stellt sich vor Bestandsmauern und neue Trennwände. Die Höhe variiert. Bei den Fenstern ist sie niedriger, in der Mitte des Grundrisses höher und formt Regale und Stauraum. Wohnlich warm wird es durch das Holz und die integrierte Individualbeleuchtung. Leichte und bewegliche Tische, Stühle und Kissen ergänzen.

Die Installationen werden offen geführt. Das sichert maximale Anpassbarkeit und fördert das Verstehen der Technik. Für eine gute Raumakustik werden Schallabsorber an der Decke mit integrierten Leuchten für das Grundlicht angebracht. Die neue Konstruktion (Decken und Stützen) und das Bestandsmauerwerk bleiben unverkleidet und stärken Atmosphäre und Identität. Im 4. Obergeschoss werden die Fachklassen mit Außenterrasse und der Bewegungsraum mit Beachvolleyballfeld organsiert. Die Villa Textor wird durch einen Lift im adaptierten Verbindungsbau barrierefrei an das Lernhaus angebunden. Zur Verwaltung gehörende Nutzungen wie Elternsprechzimmer und Schülerverwaltung finden Platz.

DAS STADTTEILHAUS UND WERKHAUS
Das Direktorenhaus der ehemaligen Holbeinschule wird zum offenen Jugendtreff des Quartiers. Die Umbauten beschränken sich auf die Sanierung der WCs und den Einbau eines Liftes zur barrierefreien Erschließung.
Die Verbindung Direktorenhaus – ehemalige Holbeinschule wird auf den Bogendurchgang rückgebaut, um die Verbindung der beiden Teile des Campus zu stärken und den neuen Jugendtreff am Platz freizustellen.
Das Stadtteilhaus und Werkhaus wird dem Vorschlag der Auslobung folgend in der ehemaligen Holbeinschule untergebracht. Die statischen Voruntersuchungen haben ergeben, dass es nur geringe Eingriffe am Bestand gab, weshalb von Bestandsschutz ausgegangen werden kann. Das bedeutet aber gleichzeitig die gezielte Auswahl von Nutzungen, die im denkmalgeschützten Bestand untergebracht werden können und die Unterbringung der übrigen Nutzungen in einem Neubau. Dieser dockt im Südwesten an. Die lange Bestandshoffassade so wenig wie möglich verstellend, ist er im Südosten eingeschossig und im Südwesten dreigeschossig. Die Spannung zwischen Bestandsbaukörper und Neubau wird gestalterisch genutzt: Der Haupteingang leitet links zur großzügigen, ungeteilten Aula und nach rechts in die »Zimmermensa«. Dazwischen liegt ein ruhiger Innengarten, von Alt und Neu begrenzt. Die Küche mit viel Technik liegt im Neubau, gegessen wird in den Zimmern der Mensa. In den oberen Geschossen sind die Maschinenräume der Fachklassen im Neubau und die Textilwerkräume im Altbau. Die Lehrküche ist im Neubau, ebenso ein Lastenlift, der die Geschosse verbindet.
Im Bestand wird ein Personenaufzug zur barrierefreien Erschließung eingeplant. Die Erschließung des Beratungs- und Förderzentrum Süd ist sowohl getrennt als in Einheit zur Schule möglich. Die Eigenständigkeit wird betont und Kooperation möglich. Das BFZ-Süd nutzt im OG2 die Hälfte der Räume und im Dach das gesamte Geschoss. Der Co-Work Space und die Veranstaltungsflächen lassen sich hier äußerst attraktiv gestalten.
Die Neubauten – der Zwischenbau des Lernhauses und der Neubau des Werk-/ Stadtteilhauses – werden konstruktiv aus Stahlbeton vorgeschlagen mit vorgehängter Holzsandwichfassade. Langlebigkeit und Nutzungsvariabilität werden mit wärmebrückenfreier Nachhaltigkeit verbunden.

Den Wetterschutz bildet geschossweise gestoßenes Profilbauglas. Das Darunter scheint durch. Eine einheitliche ruhige Hülle entsteht. Das steht im reizvollen Dialog mit den Lochfassaden von 1909. Die neue Nutzungsschicht ist klar ablesbar.
Die wichtige Aufgabe der barrierefreien Erschließung der Baukörper wird zu einem topographischen Thema entwickelt, das den Schulcampus spannungsreich gliedert und vielfältige Aufenthaltsbereiche auf differenzierten Ebenen generiert.

DIE VERBINDENDE FREIANLAGE
Es entsteht eine Außenanlage, die pragmatisch genutzt oder phantasievoll gelesen werden kann:
Ähnlich einer »Zugbrücke«, um 1,30 m oberhalb des aktuellen Geländeniveaus gelegen, erschließt eine Plattform den neuen Haupteingang des Lernhauses. Aus dem »Burggraben« führen Stufenanlagen aus beiden Richtungen auf die neue Eingangsebene hinauf. Westlich staffeln sich Terrassen zu einer Sitzlandschaft, die auch als Tribüne für die angrenzenden Sportanlagen dient. Von Norden und Süden her führt ein nur sanft geneigter Zugangsweg stufenfrei bis zum Lernhaus. Einem ähnlichen Prinzip folgend, ist auch die Holbeinschule über die neue Aula barrierefrei zugänglich. Hier führen moderat ansteigende Wege von Osten und Westen her entlang eines Grünstreifens bis auf das Niveau der Eingangsterrasse. Die Terrasse der Aula bindet über großzügige Stufen an die östlich anschließende Grünfläche, die »Grüne Aula« an. Das Multifunktionssportfeld fügt sich in das Innere der Blockrandbebauung ein und wird nach Norden, Westen und Süden durch die historische Zaunanlage und einen begleitenden Vegetationssaum begrenzt. Die vorhandene Baumreihe bleibt vollständig erhalten. Der Bereich wird entsiegelt und mit einem wasserdurchlässigen Tennenbelag zu einem schattigen Aufenthaltsbereich mit Sitz- und Liegemobiliar weiterentwickelt.
Die begrenzten Platzverhältnisse werden offensiv genutzt, um Flächen mehrfach zu bespielen. So stellt die farbig auf dem Asphalt der Textorstraße aufgebrachte Laufbahn ein deutliches Zeichen für die nicht mehr dem motorisierten Verkehr vorbehaltene Bewegungsfläche dar. Die Schule präsentiert sich hier auch außerhalb der introvertierten, durch Zäune geschützten Flächen.
Die Weitsprunganlage überlagert Sportfeld und Boulehain, auf dem Dach des 4.OG befindet sich das Beachvolleyballfeld. Der Schulcampus wird durch eine zusammenhängende, charakteristisch gefärbte Belagsfläche zusammengehalten. Der Belag begleitet das Schulgebäude der Textorschule, durchfließt den »Burggraben«, überquert die Straße, umspült das Direktorenhaus und brandet an den Stufen der Aula empor. Neben großzügig geschnittenen Zugangs- und Aufenthaltsflächen bietet der Schulcampus auch vielfältige grüne Nischen, die den Baumbestand integrieren, historische Brunnen umspielen, Terrassen beschatten und Dächer zu kleinen, ruhigen Oasen machen, wie dem »Lianengarten« und dem »Stillen Garten«.