WOHNBEBAUUNG ZEUGHAUSAREAL
INNSBRUCK

EU-weit offener Realisierungswettbewerb

Matthias Seyfert
Dietmar Moser
Susanne Seyfert
Florian Dessl

el:ch landschaftsarchitekten
Elisabeth Lesche
Olivia Giorgi

09|2016 – 11|2016

ENTWURFSKONZEPT

Das neue Wohnen auf dem Zeughausareal überzeugt durch einen Mix aus frei finanzierten und geförderten Wohnungen und es überzeugt durch die sehr gute Lage an der Sihl Promenade. Der Entwurf ergänzt dies einerseits um eine markante, identitätsstiftende Bebauung mit hohem Wiedererkennungswert und andererseits um ein vielfältiges Angebot individueller Wohnungen. Die Gemeinschaftsräume werden attraktiv zum Park orientiert, sie werden das Zentrum für die neuen Bewohner und sie laden ein teilzunehmen.

Das neue Wohnen lässt aber auch genügend Raum für das Zeughaus. Als Denkmal erster Güte wird es im Park frei gestellt, es wird nun endlich gebührend gewürdigt. Gleichzeit bilden die neuen Häuser mit ihren ruhigen Rundungen und den Parkbäumen einen unstörenden »Hintergrund« hinter den Bäumen des Parks.

STÄDTEBAU

Vier unterschiedlich hohe Häuser mit elliptischem Grundriss stehen versetzt und verdreht zueinander am nördlichsten Rand des Grundstücks. Sie halten den maximalen Abstand zum Zeughaus, sie rücken soweit an den Rand, damit ein wirklicher Park entstehen kann. Der Zeughausvorplatz und die neue Sihl Promenade sind über diesen miteinander verbunden.

Die vier Häuser stehen mit Abstand zueinander. So bleiben sie durchlässig für Besucher am Boden und durchlässig für Luft und Licht in der Höhe. Die Bestandsbebauung bekommt zwar hohe, aber auch rücksichtvolle Nachbarn. An der Westseite des Grundstückes rückt das erste Haus hinter die Flucht Zeughaus – Kirche zurück. Hier wird ein neuer Platz ausformuliert. An der Ostseite wird der Mindestabstand zu den Nachbarn eingehalten. Zwischen den vier Häusern wird gleichmäßig aufgeteilt, der Park setzt sich durch die Zwischenräume nach Norden hin fort und ist direkt vom Sillgraben erreichbar.

Die Zufahrt für Anlieferung, Müll etc. erfolgt über den Fußweg im Norden, die Zufahrt zur Tiefgarage über die Kapuziner Straße.

QUARTIERSBILDUNG

Die vier Haustypen sind ähnlich aber nicht gleich. Haus 1 am Zeughausvorplatz ist für den geförderten Wohnbau der ARE geplant. Haus 2 und 3 in der Mitte sind für die frei finanzierten Angebote der ARE vorgesehen und Haus 4 im Westen ist für die geförderten Wohnungen der Genossenschaft angedacht. Diese Aufteilung und auch der Wohnungsschlüssel sind aber, wie die unterschiedlichen Grundrissangebote auf den Plänen zeigen, in der weiteren Planung noch flexibel anpassbar. Bei den beiden Häusern 1 und 4 sind die Grundrisse mit den Freiflächen an der Wohnbauförderung angepasst – maximal 25% der WNFL als Freifläche – und die Ausführung ist solide aber sparsam. Die Häuser 2 und 3 besitzen großzügigere Grundrisse und einen höheren Freiflächenanteil. Die verwendeten Materialien sind luxuriöser.

Allen Häusern gleich ist der für den Ort entwickelte Eingangsbereich.

Im Erdgeschoss nach Norden ist jeweils der pragmatische, tägliche Haupteingang mit Briefkästen, Klingelanlage und Radabstellplätzen. Nach Süden führt vom Obergeschoss großzügig eine Freitreppe in den Park. Die Benutzung macht Spaß, auf den Stufen kann man sitzend plaudern und Neuigkeiten austauschen. Die Vorteile der sich gegenseitig helfenden Nachbarschaft werden zelebriert ohne die Vorteile der Anonymität der Stadt zu negieren.

FREIRAUM

Ein öffentlicher Fußweg, der »Sillgrabenweg«, erschließt und verbindet die Einzelgebäude von Norden her. Er wird zu den nördlich angrenzenden Grundstücken klar begrenzt und verzahnt sich nach Süden fließend mit dem Grünraum. Südlich der Gartenzone bildet ein schmaler Gartenweg eine weitere Verbindung zwischen den Einzelgebäuden und den locker im Park verteilten Spielbereichen.

Zum Park hin stellt jeweils eine als »Gangway« stilisierte Freitreppe den direkten Zugang in den Park her. Filigran und frei schwebend geführt und mit einer Kombination aus Geh- und Sitzstufen ausgestattet, handelt es sich bei den Gangways um mehr als eine Wegeverbindung: Die Benutzung der Gangway ist ein Erlebnis – auf den Stufen kann man sitzend plaudern, die Kinder im Park beobachten und den Ausblick zur Sill und zur Nordkette aus luftiger Höhe genießen. Die Bewohner steuern das Maß an nachbarschaftlicher Interaktion über die Wahl ihres Zugangsweges.

RUHENDER VERKEHR

Die Tiefgarage wird unmittelbar an den nördlichen Rand des Grundstücks gelegt. In Anbetracht des umfangreichen und wertvollen Baumbestandes sowie der beengten heutigen Situation im Umfeld des Zeughauses möchten die Verfasser eine Alternative zu einer Verschiebung der Grundgrenzen aufzeigen: Eine Unterbauung des öffentlichen Fußweges bedeutet einen signifikanten Platzgewinn für den Zeughauspark und ermöglicht den Erhalt weiterer Bestandsbäume. Eine Verschiebung der Tiefgarage um 5 m nach Süden wäre bei unveränderter Gesamtgeometrie möglich, hätte jedoch eine Einschränkung der Freiraumqualität (siehe zuvor geschilderte Effekte) zur Folge. Der Weg vom Auto zum Eingang des jeweiligen Hauses ist kurz und logisch. Die Kellerräume liegen direkt am Treppenhaus.

Für bestehende und neu zu pflanzende Bäume sind großzügige Aussparungen in der Geometrie der Tiefgarage vorgesehen. Auf diese Weise wird eine intensive Verzahnung der Außenräume mit den Innenräumen erzielt. Lockere Baumgruppen sorgen für einen Ausblick ins Grüne und Sichtschutz.

HULA HOOP

Speziell am Entwurf ist natürlich der die Häuser umkreisende Freiraum. So kann jedem Zimmer jeder Wohnung eine Fenstertür spendiert werden. Horizontal umkreisen »Hula-Hoop-Reifen« den Freiraum. Sie filtern den ungewünschten Einblick ohne Ausblick zu nehmen. Dieser Luxus ist zum einen aufgrund der Dichte und damit Nähe der verschiedenen Wohnungen nötig und er ist technisch einfach umgesetzt.

KONSTRUKTION

Die Tiefgarage ist in wasserdichter Stahlbetonbauweise konstruiert. Die Tragkonstruktion der Häuser besteht aus Stahlbetondecken, die im Innern der Geschosse auf dem Kern bzw. den Wohnungstrennwänden aufliegen. Diese Konstruktion sorgt für die Gebäudestabilität und den nötigen Schallschutz zwischen den Wohneinheiten. Die leicht gebogene bzw. in geraden Segmenten geformte Außenwand wird als gedämmtes Holzsandwichelement ausgeführt. In die Außenwand integriert und damit vor Brandeinwirkungen geschützt, werden die entlang der Fassade angeordneten Stahlstützen. Die Balkone werden mit thermisch getrennten Anschlüssen als auskragende Betonplatten ausgeführt. In den weit ausladenden Bereichen an den Schmalseiten wird eine vom Dach abgehängte Zugstütze vorgesehen. Die Holzaußenwand kann preiswert verputzt bzw. mit einer Holzfassade verkleidet werden. Die Trennwände innerhalb der Wohnungen sind in Trockenbauweise vorgesehen.