NEUBAU WIEN MUSEUM
WIEN

offener, 2-stufiger Wettbewerb

Matthias Seyfert
Susanne Seyfert
Dietmar Moser

Florian Dessl

04|2015 – 05|2015

ENTWURFSKONZEPT

Ein neuer skulpturaler Baukörper ergänzt das Wien Museum Neu im Zusammenspiel mit der Karlskirche postkartentauglich. Vorhandene geschwungene Formen (Kuppeln von Sezession, Karlskirche, etc., Grüninseln Resselpark) und Bewegungsströme werden verräumlicht. Die Kirchenplatzfrage wird geklärt. Der Platz wird aufgebogen, er bekommt Hochpunkte. Eine durchlässige Abschottung zur vielspurigen Straße rahmt und formt ihn zum eigenständigen Platz. Diese Platzlandschaft zeigt sich zur Straße nach Norden und Westen als Gebäudekante und positioniert das Wien Museum neu unter Einbeziehung des Vorhandenen. Der am Gürtel immer wieder zu findende Bautyp des mehrdeutigen Gebäudes – weder Solitär noch Teil eines Blockes – wird neu dekliniert.

STÄDTEBAU

Der Resselpark ist an der angrenzenden sechsspurigen Schnellstraße stark beeinträchtigt, normale Unterhaltung ist teilweise nicht möglich. Durch die neuen platzgestaltenden Baukörper entsteht ein geschützter Bereich. Durch die akustische Abschottung entsteht eine Aufwertung. Es wird möglich einen städtischen Platz mit Aufenthaltsqualität zu formen.
Der Karlsplatz, das System Glacis ist durch Bewegungsströme verschiedener Geschwindigkeiten und Ebenen geprägt. Radfahrer, U-Bahnen, Autoverkehr, Fußgänger, der unterirdische Wienfluss – alles fließt in dieser Zone ein Stück nebeneinander. Im Rest der Stadt aufgeteilt, kommt hier alles zusammen. Die neuen Baukörper sind auch in dieser Sicht zu verstehen – Inseln in dieser Flusslandschaft, welche die Ströme leiten und selbst durch diese geformt werden.

Die Eingänge in das Wien Museum Neu werden in diese Platzlandschaft eingeschnitten. Der Haupteingang liegt mittig in einer Auffaltung vis-à-vis zur Karlskirche. Das Café bekommt in attraktiver Lage einen Gastgarten. Es gibt einen Durchgang Richtung Musikverein und Künstlerhaus. In diesem liegt der Eingang zum Museumsshop und der Aufgang auf einen eigenen kleinen Platz vor Wien Raum und Veranstaltungsräumen. So wird die Platzskulptur auch in der Höhe bespielt und öffentlich zugängig. Rampentreppen führen auf die Hochpunkte, Aussichtspunkte im hektischen Großstadttreiben laden zum Verweilen, Sitzstufen zeigen neue Blickwinkel auf den Karlsplatz. Eine Architektur der Begegnung.
Auf der Platzoberfläche sind Bewegungslinien und Glasflächen eingraviert. Diese verweisen einerseits auf Ornamente der Kirche und oberirdische Verbindungen und zum anderen auf das Darunter ohne zu viel zu verraten. Auf zum Eingang!

ERSCHLIESSUNG

Vom Haupteingang fördern Rolltreppen, ein Aufzug und eine breite Treppe auch in Spitzenzeiten den Besucherstrom zuverlässig in das Foyer unter die Platzskulptur. Die amorphe Platzoberfläche ist von unten mindestens so spannend wie von oben. Man taucht in die Museumswelt ein. Flächig verteilte Lichtröhren transzendieren die gesamte Decke ornamental, lichtdurchlässig und schaffen eine unvergessliche Atmosphäre. Die im Platz darüber verlaufenden Bewegungsströme werden so an der Decke abgebildet und überformen die Funktionen darunter.
Diese sind klar angeordnet. Im Bestandsgebäude ist die Dauerausstellung untergebracht und gegenüber im Neubauteil die Sonderausstellungen. Alles ist auf einer Ebene organisiert, so bleibt dem Museumskonzept maximaler Freiraum. Richtung Karlskirche führt eine Treppe in das Café auf den Platz hinauf. Richtung Künstlerhaus und Musikverein geht es zum Shop, den Veranstaltungsflächen und dem Wien Raum. Diese sind an Balkonen mit Blick auf das Foyer angedockt. Es entstehen vielfältige Wegbeziehungen, Innen und Außen wird verknüpft.

Den oberirdischen Bewegungsflüssen wird ein neuer Museumsfluss hinzugefügt. Dieser taucht am Haupteingang und dem Café an der Oberfläche auf. Unterirdisch verästelt er sich in die Ausstellungsflächen und taucht wiederrum Richtung Wien Raum und Museumsshop auf. Das Platzensemble ist ein Abdruck des lebhaften Museumsbetriebes unter dem Platz und dem Großstadttreiben darüber.
Dem unter Denkmalschutz stehenden Bestandsgebäude von Oswald Haerdtl wird gebührender Respekt gezollt. Sämtliche Umbauten werden rückgebaut, der Originalzustand mit offenem Innenhof und dem um ein Geschoss niedrigeren Osttrakt wird wieder hergestellt. Die Brücken zum Winterthur Gebäude werden abgebrochen. So steht der Haerdtl Bau wieder eigenständig und kann selbst zum Museumsobjekt werden. Im Untergeschoss wird eine durchgehende Ebene geschaffen, Rampen und kurze Treppen welche den Museumsbetrieb bisher störten, gehören der Vergangenheit an. Untergeschoss und Erdgeschoss – der bisherige Zugang – werden über eine neue großzügige Treppe und Lufträume verbunden. In die beiden oberen Museumsebenen der Dauerausstellung führt die schöne Treppe von Oswald Haerdtl.

FUNKTIONEN

Das »BackOffice« des Museums, die Verwaltung, Werkstätten, Arbeitsräume und Depots werden an der Ostseite des Museums untergebracht. Die Verwaltung bekommt großzügige, helle Räume in den Obergeschossen des Bestands. Für die 80 Mitarbeiter kann ein offenes Bürokonzept mit die informelle Kommunikation fördernder Struktur realisiert werden. Manipulation und Logistik, sowie die Werkstätten, Lager und Arbeitssammlungen werden über den im Bestand eingebauten Lastenlift verbunden. Die Anbindung an alle Ausstellungsebenen ist so optimal. Belichtet werden diese Räume zum Großteil blendfrei über Oberlichter in der Außenfassade.
Die Anlieferung des Museums und der Einbau des Lastenlifts ist der größte Eingriff in den Bestand des Haerdtl Bau. Aber so können alle Geschosse miteinander verbunden werden und die Anlieferung ist von der Maderstraße wie in der Auslobung gefordert störungsfrei möglich. Hier ist auch der Halteplatz für die beiden Reisebusse eingeplant. Ebenso das Café wird von hier beliefert. Ein Stempellift kann bei Lieferungen zwischen Haerdtl Bau und Winterthur Gebäude ausgefahren werden. Anschließend verschwindet dieser wieder im Boden störenden Nebengebäude zu hinterlassen.
Das Winterthur Gebäude kann aus städtebaulicher Sicht um zwei Geschosse aufgestockt und Richtung Karlsplatz wie im Lageplan dargestellt erweitert werden. So wird der Platz abgerundet und besser gefasst. Nach Abzug der abzubrechenden Brückengebäude bleiben immer noch 4300m2 zusätzliche BGF.

Das Neue Wien Museum Neu steht mit seinen NachbarInnen aus vier Jahrhunderten auf Augenhöhe. Es hält wichtige Blickachsen frei, zeigt sich der Vergangenheit respektvoll offen und denkt sie weiter. Ein mutiger Kulturbau des 21. Jahrhunderts mit Wiedererkennungswert.
Wien – Weltstadt der Musik und Künste – spiegelt sich im Wien Museum Neu als künstlerisch, musischer Bau. Fast scheint es, als würde er mit seiner geschwungenen, eleganten Kontur zu den Klängen des benachbarten Musikvereins tanzen.