NEUBAU STADTBIBLIOTHEK BRIXEN
SÜDTIROL

anonymer offener einstufiger Planungswettbewerb

Matthias Seyfert
Dietmar Moser
Susanne Seyfert

Julia Grims
Jörn Besser (Rendering)

07|2010 – 08|2010

ENTWURFSKONZEPT

Die neue Stadtbibliothek Brixen in attraktiver Lage am Domplatz ist von historisch wertvollen Gebäuden umgeben. Der Neubau stellt sich eigenständig neben den Bestand. Sensibel und zurückhaltend nimmt er Maßstab, Höhen und Bezugskanten der Umgebung auf. Eine Glasfuge verbindet Alt und Neu zart. Neben den Bestandsgebäuden prägen eine Vielzahl von Natursteinmauern die Brunogasse. Bisher kaum beachtet und dabei doch historisch wertvoll, soll ihnen nun Aufmerksamkeit geschenkt werden. Der Neubau verwendet dieses Element der Stadt aktiv und aufwertend. Auf der Mauer sitzend, übernimmt er deren Materialität. Die neue Stadtbibliothek Brixen hat keine Putzfassade wie die meisten Gebäude der Stadt, sondern eine Außenhülle aus Naturstein. Eindeutig ist die besondere Funktion als öffentliches Gebäude und der Ursprung im Hier und Jetzt ablesbar. Gleichzeitig ist das Gebäude über seine Materialität und Grundrisssprache auf den historischen Kontext bezogen. Die Fensterschlitze variieren die Lochfassaden der Umgebungsgebäude und verweisen dezent auf die innere Funktion Bibliothek.

OFFENE ERDGESCHOSSZONE

Das Erdgeschoss des ehemaligen Finanzgebäudes wird zum Domplatz durchlässig. An der Brunogasse werden die Garagen abgerissen. So entsteht ein zwischen Domplatz und Brunogasse gespannter Vorplatz. Das transparente Erdgeschoss des Neubaus öffnet sich zum Vorplatz, lädt ins Gebäude ein und lässt Durchblicke in den geschützten Bibliotheksgarten. Der Vorplatz wird scheinbar ins Gebäude geholt. In direkter Nähe zum Eingang befindet sich die zentrale Ausleihe mit Information und Stöberzone. Etwas abgeschirmt hat der Zeitschriftenraum Bezug zum Garten. Im Erdgeschoß des Gerichtsgebäudes ist das Magazin mit vom Domplatz bedienbarer Rückgabeklappe.

Die Haupterschließung und Verteilung in die Obergeschosse liegt in der gläsernen Fuge zwischen Bestand und Neubau. Es ergeben sich klare und übersichtliche Wege trotzt Verteilung auf drei Gebäude. Alle Ebenen sind barrierefrei angeschlossen. Die Fluchtwege für das Gericht werden erhalten.

WISSENSLANDSCHAFT

Im ersten Obergeschoss im Bestand des Gerichts ist der Kinder- und Jugendbereich auf mehrere Zimmer aufgeteilt. Die Zimmer können wie auf einem Abenteurerspielplatz von der Lesehöhle zur Filmvorführung erkundet werden. Im Neubau nahe zur Erschließung liegen die Internetarbeitsplätze. Der Belletristikbereich im Neubau und im Finanzgebäude verwebt Alt und Neu auch funktional. Das Raumangebot reicht vom ungeteilten Großraum im Neubau bis zu kleinteiligen, intimeren Raumstrukturen im Bestand. Im zweiten Obergeschoß wiederholt sich dies bei den Sachmedien: Aufstellflächen mit Regalen und Leseecken im Neubau sowie Leseplätze für zurückgezogenes Arbeiten im Bestand.

VIELFÄLTIGE NUTZUNGSMÖGLICHKEIT

Der große Lesesaal mit Freiterrasse liegt ganz oben über den Dächern. Er ist unabhängig von der Bibliothek als Veranstaltungsraum nutzbar. Das Treppenhaus kann abgeschlossen werden. Im Erdgeschoss gibt es einen externen Zugang. Die Büros im ersten und zweiten Obergeschoss des Finanzgebäudes liegen in den attraktiven Räumen Richtung Domplatz. Die bestehende Treppe mit Zugang im Erdgeschoss dient der internen Erschließung.

RÄUMLICHE VIELFALT

Die neue Stadtbibliothek Brixen stellt ein breit gefächertes Angebot verschiedenster Räume zur Verfügung. Die Räume im Bestand sind zwischen 15 und 30m² groß und haben Fenster mit Brüstung, wobei ein privater Wohncharakter entsteht. Die Räume im Neubau sind bewusst großflächig mit fließenden Übergängen ausformuliert. Raumhohe Lichtschlitze sind zugleich Sitznischen in der Außenwand. Sie erweitern das Raumangebot nochmals. Gleichzeitig tauchen sie die Innenräume in ein besonderes Licht und erhöhen die Spannung des Raumes. Das Erdgeschoss wiederrum ist offen und transparent – die Grenze zwischen innen und außen verwischt.

MATERIALITÄT

Naturstein in der Fassade des Neubaus, Putzfassaden im Bestand, geschliffene Steinböden, hölzerne Einbauten erzeugen eine helle, warme Atmosphäre. Konstruktiv ist der neue Baukörper ein Stahlbetonkörper, der im Erdgeschoss auf Stützen die Lasten punktförmig in den Boden einleitet. Störungen des archäologisch wichtigen Untergrundes werden vermieden. Hohe Dämmung sichert geringe Heizkosten, natürliche Belichtung und Belüftung gewährleistet geringen Wartungsaufwand. Monolithisch steinern der Neubau – verputzt mit Lochfassade der Bestand – verwinkelt und nicht orthogonal Beide. Fließender Raum im Neubau – Zimmerabfolgen im Bestand – komplexe Außenhülle bei Beiden. Der Entwurf arbeitet mit dem Bestand ohne diesen zu verändern, ein spannendes, sich gegenseitig aufwertendes vis-a-vis entsteht. Die neue Stadtbibliothek Brixen wird ein neuer, vielfältig mit der Stadt verwobener Baustein.